Das alte Gebäude des Thalia Theaters wurde von den Architekten Franz Georg Stammann und Auguste de Meuron konzipiert und 1843 gegenüber dem heutigen Bau errichtet. Der größere Neubau wurde 1912 unter Leitung des Regisseurs Leopold Jessner am Pferdemarkt, heute: Gerhart-Hauptmann-Platz, (Architekten Werner Lundt und Georg Kallmorgen) mit 1300 Plätzen eröffnet. Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude weitgehend zerstört, Ende der fünfziger Jahre restauriert und im Dezember 1960 wiedereröffnet.
Das Thalia Theater ist eines der drei Hamburger Staatstheater, eine Sprechtheaterbühne mit einem festen und viel gerühmten Ensemble. Es gibt auf der großen Bühne ca. 1.000 Plätze, das Repertoire umfasst etwa 20 Produktionen, die täglich wechselnd oder in Blöcken gespielt werden. Pro Spielzeit gibt es etwa neun neue Premieren im Großen Haus am Alstertor.
nach dem Roman von Charles Dickens, in einer Dramatisierung von Lucien Haug
Premiere: 25.4.2026
Hard Times entfaltet die industrialisierte Welt des 19. Jahrhunderts anhand eines Panoramas der düster-rauchenden Stadt Coketown. Der nüchterne Fabrikant Gradgrind erzieht seine Kinder Luisa und Tom nach dem Prinzip der reinen Vernunft. Mit ihnen wächst das warmherzige Zirkusmädchen Sissy auf. Luisa heiratet pragmatisch und lieblos den selbstgefälligen Banker Bounderby. Tom, der zunehmend verroht, gerät auf die schiefe Bahn. Und auch der ehrliche Arbeiter Blackpool wird zermahlen von einem System, das weder Not noch Moral oder Würde kennt.
Charles Dickens erzählt eine Geschichte von Profitdenken, sozialer Ungleichheit und menschlicher Entfremdung. Er zeichnet eine Welt, in der Gefühle als Schwäche gelten und nur zählt, was messbar ist: Fakten und Nutzen. Schwere Zeiten für jede einzelne der vielen Figuren, die an der Gefühlskälte dieser bürgerlichen Ideologie zerbrechen – aber auch die Chance für eine zarte, starke Kraft, die in ihnen allen steckt, sich dagegen aufbäumt und Hoffnung gibt: die Sehnsucht des Menschen nach Kreativität, Herzenswärme und Verbundenheit.
Regisseur Antú Romero Nunes wirft einen liebe- und humorvollen Blick auf eine Gesellschaft, die Zahlen über Herzen stellt – und begibt sich musikalisch und mit großem Ensemble auf die Suche nach Phantasie, Empathie und Solidarität.
Regie: Antú Romero Nunes
Bühne: Matthias Koch
Kostüme: Lena Schön, Helen Stein
Musik: Anna Bauer
Lichtdesign: Jan Haas
Dauer: 2 Std. 30 Min., inkl. Pause
Termine
Sa 25.4.2026, 19:30 | Premiere
Di 28.4.2026, 19:30
Mi 29.4.2026, 19:30und weitere Termine
Sa 2.5.2026, 19:30
Do 14.5.2026, 19:00
Sa 16.5.2026, 15:00
Do 28.5.2026, 20:00
Fr 29.5.2026, 20:00
So 31.5.2026, 17:00
So 7.6.2026, 19:00
Sa 27.6.2026, 20:00
Ein Kuss, ein Beben, ein Chaos: Zwei neunjährige Jungen küssen sich auf dem Schulhof und die Eltern geraten unter Druck. Zwischen Panik, Prinzipien und absurden Erziehungsdebatten suchen sie verzweifelt nach der »richtigen« Reaktion. Während sie sich in ihren Ängsten verlieren, mischen sich zwei überirdische Kräfte ein – mächtig, unberechenbar und mit einer Vorliebe für Drama: In Gestalt zweier queerer Engel weisen sie den Weg in eine offenere Zukunft. Zak Zarafshan entlarvt in seiner scharfsinnigen Komödie, die mit enormen Erfolg schon London eroberte, mit Witz und Tempo die Bruchstellen der Toleranz und die grotesken Reflexe einer überforderten Gesellschaft.
Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Sibylle Wallum
Musik/Komposition: Johannes Hofmann
Lichtdesign: Ralf Scholz
Termine
Sa 6.6.2026, 20:00 | Premiere
Do 18.6.2026, 20:00
Mo 29.6.2026, 20:00und weitere Termine
Ein zerbrochener Krug steht am Beginn der Geschichte, die von Justizbetrug, Vertuschung, Gewalt und Scheinheiligkeit erzählt. Frau Marthe erscheint im Gericht, in den Händen den zerschlagenen Krug. Als Schuldigen will sie Rupprecht, den Verlobten ihrer Tochter Eve, ausmachen. Richter Adam will ohne weitere Prüfung die Verurteilung vollziehen, um den Vorgang schnell vom Hals zu haben. Doch ganz so einfach gestaltet sich der Prozess nicht. In Kleists böser Komödie ist Wahrheit der Gegenstand, der die Beteiligten am wenigsten interessiert. Hier wollen Verhältnisse gehalten und Macht gesichert werden. Doch zart und stetig bildet sich eine Gegenkraft, die die Mächtigen und ihre Mittel überführt.
Regie: Lilja Rupprecht
Bühne: Christina Schmitt
Kostüme: Annelies Vanlaere
Musik: Fabian Ristau
Video: Moritz Grewenig
Live-Kamera: Sibel Bicer
Lichtdesign: Paulus Vogt
Choreografie: Ursina Tossi
Dramaturgie: Nora Khuon
Dauer: 2 Std., keine Pause
Termine
So 19.4.2026, 19:00
So 26.4.2026, 17:00
Mo 27.4.2026, 19:30und weitere Termine
Mi 6.5.2026, 11:30
Fr 8.5.2026, 19:30
Di 12.5.2026, 19:30
Sa 30.5.2026, 20:00
Wer war Hannah Arendt? Wir treffen die politische Theoretikerin 1975 in einem Hotelzimmer in Kopenhagen, wo ihr in wenigen Stunden der dänische Sonning-Preis für ihren Beitrag zur europäischen Kultur übergeben wird. Bei der Vorbereitung auf ihre Rede wird sie in einen tiefen Sog surrealen Erinnerns – über Liebe, Kritik und ihr ganzes Leben – gezogen. Wir begleiten eine der scharfsinnigsten und provokantesten Denker*innen des 20. Jahrhunderts an ihren biografischen Wendepunkten: dem aufkommenden Faschismus, der Flucht, der Heimatlosigkeit sowie der niemals aufhören wollenden Suche nach Antworten. Und – Adolf Eichmann.
Mit ihrem bereits in Dänemark umjubelten Drama untersucht Rhea Leman in einem hellsichtigen Psychogramm den Riss, der die Gesellschaft bis heute durchzieht.
Arendt wurde aus dem Englischen übersetzt von Henning Bochert.
Regie: Tom Kühnel
Bühne: Jo Schramm
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Hannes Gwisdek
Video: Jo Schramm
Dramaturgie: Saskia Jabłońska
Dauer: 1 Std. 30 Min., keine Pause
Termine
Sa 18.4.2026, 20:00
So 19.4.2026, 19:00
Do 7.5.2026, 20:00und weitere Termine
Ein Mann liebt eine Frau, die er noch nie gesehen hat. Diese Frau liebt wiederum einen Mann, der sich nur als solcher ausgibt und ansonsten eine Frau ist. Jene Frau liebt ersteren Mann, der aber glaubt, sie sei ein Mann. Dieses Liebeschaos vollzieht sich in Illyrien, einem wundersamen Ort am Meer, bevölkert von egozentrischen und närrischen Menschen. Doch wer glaubt, die Liebe sucht ihr Gegenüber, irrt. Das Zentrum der Liebe ist zumeist der oder die Liebende selbst. Die Liebe? Selbstrettung und Heilmittel für die wunde Seele. Aber einen Menschen gibt es in Illyrien, der anders ist, der Herzen aufweckt und Identitäten erweitert.
Gemeinsam mit dem Treppenhausorchester befragen Anne Lenk und das Ensemble die Möglichkeiten der Liebe in einer Welt, die sie verloren zu haben scheint.
Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Sibylle Wallum
Musik/Komposition: Kostia Rapoport
Licht-Design: Jan Haas
Orchesterleitung: Thomas Posth
Dramaturgie: Nora Khuon, Susanne Meister
Wir danken der Claussen-Simon-Stiftung für ihre großzügige Förderung des Treppenhausorchesters und der Komposition für Was ihr wollt.
Dauer: 2 Std. 30 Min., inkl. Pause
Termine
Mi 22.4.2026, 19:30
Di 5.5.2026, 19:00
Di 16.6.2026, 19:30und weitere Termine
von Hans Fallada, in einer Fassung von Luk Perceval und Christina Bellingen
Spitzel und Denunzianten, Spieler und Betrüger bevölkern das Berlin der frühen vierziger Jahre. Mit beharrlicher Widerständigkeit kämpfen die Eheleute Anna und Otto Quangel gegen das NaziRegime, rufen mit handgeschriebenen Karten zum Kampf gegen Hitler auf. Doch bald sind die beiden im klaustrophobischen Berlin selbst Gejagte.
„Der Führer hat mir meinen Sohn ermordet!“ Mit diesem Satz auf einer Postkarte beginnt der ungewöhnliche Widerstand eines einfachen Arbeiterpaares zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Berlin. Fallada erzählt die Geschichte von Anna und Otto Quangel, die nach dem Kriegstod des Sohnes mit einfachsten Mitteln den Kampf gegen die Maschinerie des Nazistaates aufnehmen. Über 200 handgeschriebene Postkarten und Briefe, abgelegt auf Treppen und Hausfluren willkürlich ausgesuchter Wohnhäuser, verteilt das Paar in den Jahren 1940 bis 1942. Doch schon bald geraten sie ins Visier des Kriminalkommissars Escherich, der selbst, mehr karrierebewusster Mitläufer als glühender Nazi, unter dem Druck seiner Vorgesetzten in Zugzwang gerät. Ein erstes Licht in das Dunkel seines Falles scheint die Anzeige einer Sprechstundenhilfe zu bringen. Sie bezichtigt den arbeitsscheuen Simulanten Enno Kluge, eine hochverräterische Karte vor der Arztpraxis abgelegt zu haben. Diese falsche Spur führt Kommissar Escherich in das zwielichtige Milieu der Pferderennwetter und Kleinkriminellen. Zu spät erkennt er die Zwecklosigkeit seiner Ermittlungen. Es gibt nur eine Möglichkeit, sein Versagen vor dem sadistischen Obergruppenführer Prall zu vertuschen: Enno Kluge muss sterben.
Wie Ratten in der Falle sitzen die Menschen in der von Tag zu Tag enger werdenden Kriegsstadt. Spitzel und Denunzianten, Nichtsnutze, Spieler und Betrüger bevölkern die Großstadt. Arbeiterwohnungen, Hinterhöfe, Wettkneipen, Tanzlokale, Gestapo-Büros und schließlich das Gefängnis in Plötzensee bilden die Kulisse dieser Jagd durch Berlin, für die die Bühnenbildnerin Annette Kurz ein gigantisches Architekturmodel aus 4000 Gebrauchs- und Haushaltsgegenständen jener Zeit gebaut hat.
Hans Fallada verfasste den Roman anhand der Prozessakten des Ehepaares Otto und Elise Hampel, die 1943 im Gefängnis Plötzensee von den Nazis hingerichtet wurden und deren Karten bis heute überliefert sind. Hilflose, unorganisierte und folgenlose Widerstandsversuche zweier isolierter Einzelkämpfer? Für Luk Perceval birgt gerade die Naivität und selbstlose Liebe dieses Paares die utopische Sprengkraft des Stoffes. 60 Jahre nach seinem Tod avanciert Falladas Roman in erstmals unveränderter Ausgabe gerade zum internationalen Bestseller. Es ist der erste Widerstandsroman eines nicht emigrierten Schriftstellers, verfasst in einer atemberaubenden Schreibwut. Zwischen Aufenthalten in Nervenkliniken schreibt Fallada manisch 899 Seiten in vier Wochen und stirbt drei Monate nach Beendigung an Herzversagen.
Regie: Luk Perceval
Bühne: Annette Kurz
Kostüme: Ilse Vandenbussche
Musik: Lothar Müller
Licht: Mark van Denesse
Live-Musik: Lothar Müller
Bewertungen & Berichte Jeder stirbt für sich allein
Schauspiel
Die Wut, die bleibt
nach dem Roman von Mareike Fallwickl
Drei Frauen suchen ihren Weg zwischen eigenen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Erwartungen: Als Helene sich unerwartet das Leben nimmt, versucht Sarah, ihre beste Freundin, ihre Leerstelle zu füllen – und verliert sich dabei selbst. Lola, Helenes Tochter, richtet ihre Wut gegen ein System, das Fürsorge fordert und Unsichtbarkeit schafft. Mareike Fallwickls Roman erzählt von Sozialisation und ungebrochenen patriarchalen Strukturen und gibt einem lange unterdrückten Gefühl Raum: der Wut. Die Inszenierung von Jorinde Dröse, koproduziert vom Schauspiel Hannover und den Salzburger Festspielen, bringt diese Wut kompromisslos, berührend und hochaktuell auf die Bühne. Jetzt am Thalia Theater.
Regie: Jorinde Dröse
Bühne: Katja Haß
Kostüme: Juliane Kalkowski
Musik: Jörg Kleemann
Choreografie: Suzan Demircan
Licht-Design: Erik Sonnenfeld
Dramaturgie: Johanna Vater
Dauer: 2 Std. 10 Min., keine Pause
Termine
Do 30.4.2026, 20:00
Fr 1.5.2026, 19:00
Mi 13.5.2026, 20:00und weitere Termine
Mi 27.5.2026, 20:00
Mi 3.6.2026, 20:00
Do 4.6.2026, 20:00
Fr 3.7.2026, 20:00
Sa 4.7.2026, 20:00
von Ewald Palmetshofer frei nach Shakespeares King Henry IV
Ein faszinierendes Update des Königsdramas Heinrich IV. Bildstark, komödiantisch und mit großem Ensemble wird Shakespeare für heute erzählt.
Heinrich, vom Wahlvolk auch »Heinz« genannt, braucht dringend einen Nachfolger. Nicht nur ist er krank, es regt sich auch Protest im Land. Sein Sohn Harri ist leider nicht zu gebrauchen, der erkundet lieber mit Kneipenjunkie Falstaff den unteren Rand der Gesellschaft.
Doch die Karten werden neu gemischt, als der ehrgeizige Kämpfer Percy in der Provinz eine Rebellion niederschlägt.
Während man im Haus der Macht noch um die Nachfolge kämpft, sammelt sich in Flott's Container Club der Widerstand.
Hier feiert Falstaff mit Kronprinz Harri das Leben. Kann ihre Liebe über alle Grenzen hinweg bestehen? Kann Shakespeares beliebtester Anti-Held Würde und Menschlichkeit in der kalten Welt der Macht behaupten?
Sankt Falstaff handelt vom Auf- und Abstieg der Mächtigen, von einer gefährdeten Liebe und von Menschenwürde.
Das Stück der Stunde entlarvt eine Politik, die Populisten nach oben spült und gibt dem demokratischen Widerstand eine Stimme.
Es inszeniert die gerade zum Theatertreffen eingeladene bildstarke Regisseurin Luise Voigt.
Regie: Luise Voigt
Bühne: Natascha von Steiger
Kostüme: Maria Strauch
Musik: Friederike Bernhardt
Choreografie: Tony de Maeyer
Lichtdesign: Jan Haas
Video: Stefan Bischoff
Dramaturgie: Susanne Meister
Dauer: 3 Std., inkl. Pause
Termine
So 3.5.2026, 19:00
So 17.5.2026, 15:00
Mo 25.5.2026, 19:00und weitere Termine
A Fluid Fairy Fantasy
von Bastian Kraft und Ensemble nach Hans Christian Andersen
Unter Wasser sehen wir Menschen unscharf, Formen verschwimmen, Körpergrenzen lösen sich auf, alles kommt ins Fließen. Gleiches passiert im Drag, der Kunstform, die durch extravagante Kostüme und Make-up Geschlechterrollen auflöst, Identitäten in Glitzer und Pailletten taucht und vor allem eine atemberaubende Show bietet. Hans Christian Andersens Märchen zeigt eine ebensolche Transformation: Eine Meerjungfrau verliebt sich in einen Menschen und möchte ihren Fischschwanz loswerden. Das Märchen endet bekanntermaßen tragisch. Vielleicht spiegelt es Andersens eigenes Schicksal wider, der sein Leben lang in seinen Jugendfreund verliebt war und diese Liebe nie leben konnte. Und gleichzeitig ist es eine Geschichte so alt wie die Menschheit selbst, von Nymphen, Nixen und Wassergeistern, von Verwandlung und der Befreiung aus der zugeschriebenen Rolle.
Regisseur Bastian Kraft taucht gemeinsam mit dem Ensemble und Stars der Hamburger Drag-Szene dorthin, wo Biografie und Märchen ineinanderfließen, um neue Narrative von Verwandlung und Befreiung auftauchen zu lassen.
Bei der Uraufführung am Schauspiel Zürich wurde diese besondere Inszenierung jubelnd gefeiert. Jetzt kommt sie in einer eigenen Version nach Hamburg.
Regie: Bastian Kraft
Kostüme: Sophie Reblr
Musik: Björn Sc Deigner
Video: Jonas Link
Live Kamera: Salya Fink
Sprache: Deutsch und Englisch mit Übertiteln in beiden Sprachen.
2 Std. 10 Min., keine Pause
Koproduktion mit Schauspielhaus Zürich
Termine
Mo 4.5.2026, 20:00
Di 19.5.2026, 20:00
Mi 20.5.2026, 20:00und weitere Termine
Fr 12.6.2026, 20:00
Sa 13.6.2026, 15:00
So 28.6.2026, 15:00
Do 2.7.2026, 20:00
nach dem Roman von Jarka Kubsova in einer Dramatisierung von Hannah Zufall
Sie hatten als Familie lange davon geträumt: Der Umzug aus der Hamburger Stadtwohnung in die Weite der Marschlande sollte der Beginn eines neuen Lebensabschnitts sein. Doch während Philipp im neuen Alltag aufgeht, fühlt sich Britta zunehmend fremd – verloren in der Stille, abgeschnitten von sich selbst. Dann stößt sie auf den Namen Abelke Bleken. Fast 500 Jahre trennen sie von der Frau, die sich gegen Sturmfluten ebenso auflehnte wie gegen die Missgunst der Dorfgesellschaft – und in den Fokus tödlicher Anklagen geriet. Während Britta ihren Spuren folgt, verweben sich Vergangenheit und Gegenwart zu einem Netz aus Abhängigkeit und Freiheit, Verleumdung und Widerstand. Was geschieht, wenn eine uralte Geschichte in das eigene Leben ragt? Und wie viel von Abelke steckt in Britta selbst?
Regie: Jorinde Dröse
Bühne: Katja Haß
Kostüme: Juliane Kalkowski
Musik: Jörg Kleemann
Licht-Design: Paulus Vogt
Video: Rebecca Riedel
Dramaturgie: Johanna Vater
Allein auf seinem Segelschiff KATE MOSS. An Bord: ein Mann kurz vor Kap Hoorn. Das Ziel: die Welt umsegeln. In seinem Logbuch hält er Koordinaten, Tagesabläufe und Erkenntnisse fest. In einer Mehrstimmigkeit von Selbst- und Zwiegesprächen, Träumen, Visionen reift die Einsicht, dass „Freiheit ein Lehrberuf“ ist. Gegen Ende seiner Reise steht er vor einer Entscheidung: Soll er sich dem Zugehörigkeitswunsch zur Gesellschaft unterordnen oder doch im Trost der Einsamkeit seinen eigenen Weg gehen?
Christian Kortmann sagt: „Es geht mir um Fragen, die uns grundsätzlich in dieser Gesellschaft beschäftigen. Das Alleinsein und die Einsamkeit sind bei einem Einhandsegler das tägliche Brot, ja: die grundsätzliche Arbeitsbedingung. Der Protagonist sucht diese Einsamkeit und macht sie enorm produktiv. In der Beschäftigung mit den Einhandseglern ist mir auch das erste Mal der Begriff „Einsamkeitsliebe“ begegnet, den kannte ich so vorher noch nicht.“ (taz 13.2.2022)
Regie: Matthias Günther
Ausstattung: Nadin Schumacher
Mit: Tim Porath
nach Vladimir Sorokin, iin einer Bühnenfassung von Kirill Serebrennikov
Hamburger Theater Festival
Deutsch von Andreas Tretner, Eingerichtet von Rustam Akhmedshin
Märchen, Odyssee, Kommentar zur Weltlage mit allen Mitteln der Kunst: Zur Eröffnung inszeniert Kirill Serebrennikov einen bildgewaltigen, allumfassenden Schneesturm. Der Landarzt Dr. Garin reist in ein abgelegenes Dorf. Seine Mission: die Bevölkerung gegen eine mysteriöse Seuche zu impfen, die Infizierte in zombieartige Wesen verwandelt. In Ermangelung anderer Transportmittel macht er sich gemeinsam mit dem Kutscher Perkhusha auf den Weg. Je tiefer sie in die verschneite Landschaft vordringen, desto fantastischer wird ihre Reise. Nach diversen, teils absurden Abenteuern weiß Garin das Leben ganz neu zu schätzen. Doch immer tiefer gerät er in den titelgebenden Sturm, und der Weg zur Rettung wird zum surrealen Überlebenskampf.
In Serebrennikovs Inszenierung wird der Schneesturm selbst zur dritten Hauptfigur. Mit Schauspiel und Musik, Tanz und Live-Projektionen verwandelt er Sorokins Text in ein ekstatisches Bühnenerlebnis – vielstimmig, verführerisch, verstörend. Inmitten eines rauschhaften Whiteouts entfaltet sich ein existenzielles Cabaret zwischen Märchen und Dystopie und führt das Publikum in einen sinnlichen Kontrollverlust.
Eine Produktion des Düsseldorfer Schauspielhauses mit den Salzburger Festspielen und Kirill & Friends Company
Regie, Bühne und Kostüm: Kirill Serebrennikov
Bühne und Kostüm: Vlad Ogay
Musik, Komposition: Alexander Manotskov
Musikalische Leitung: Daniil Orlov
Brechts hochaktuelles Wirtschaftskrisenstück als Duell zweier Bühnengigantinnen: Stefanie Reinsperger und Kathleen Morgeneyer im Clinch zwischen Realzynismus und großer Emotionalität.
Chicago 1930: Die Viehbörse wird vom »Fleischkönig« Mauler kontrolliert, die Fabriken sind geschlossen. Johanna Dark will den hungernden Arbeitern helfen, sie will wissen, wer an deren Elend schuld ist. In ihren drei Gängen »in die Tiefe« begegnet sie Mauler und glaubt, ihn zur Menschlichkeit zu bekehren. Zunächst will er die Fabriken wieder öffnen, den Arbeitern wieder Lohn und Brot verschaffen. Doch Johanna wurde getäuscht. Die Kälte, die Armut, den Hunger der Arbeiter – Mauler nimmt sie in Kauf, als er die Chance sieht, die anderen Fleischfabrikanten zu erpressen. Johanna kommt zur Einsicht, dass nur »Gewalt hilft, wo Gewalt herrscht«. Doch damit ist sie schon nicht mehr zu hören, sie wird übertönt von den Gesängen, die die Kapitalisten anstimmen. Sie erklären sie darin, jetzt, da sie unwirksam ist, zur Märtyrerin, zu ihrer »heiligen Johanna der Schlachthöfe«.
Bertolt Brecht schrieb das Stück 1929–1931 mitten in der Weltwirtschaftskrise. Mit klarem Blick auf einen Markt, in dem der Mensch nie im Zentrum steht, lesen wir es heute als visionären Kommentar zur Gegenwart.
von Oscar Wilde, in einer Bearbeitung von Oliver Reese
Hamburger Theater Festival
aus dem Englischen von Mirko Bonné
Ein Dichter im Abgrund. Ein phänomenales Solo von Jens Harzer.
Er war eine Lichtgestalt der viktorianischen feinen englischen Gesellschaft, seine Stücke erfolgreich, seine Prosa packend, seine Märchen kunstvoll, seine Bonmots bis heute legendär. Und dann kam sein tiefer Fall: Der irische Schriftsteller Oscar Wilde wurde 1895 zu zwei Jahren Haft verurteilt – weil er provozierte; weil er sich über Konventionen hinwegsetzte, weil er Männer liebte und sich nicht versteckte. Sein Strafprozess war ein Exempel – weniger gegen eine Tat als gegen eine Haltung, gegen seinen unbändigen Drang nach Freiheit und Anerkennung.
Sein langer Brief an Alfred »Bosie« Douglas aus dem Gefängnis, der unter dem Titel »De Profundis« bekannt wurde, ist der letzte Aufschrei eines gebrochenen, aber nicht gebändigten Geistes; das Protokoll eines Menschen, der stets nach den Grenzen seines bürgerlichen Lebens gesucht und der am Ende alles verloren hat. Wilde schreibt mit größter literarischer Meisterschaft von Verachtung und Einsamkeit, von Stolz und Schmerz. Und über eine Gesellschaft, die nicht duldet, was sie nicht versteht. Was bleibt, wenn einem alles genommen wird, was man je war? Was lässt sich noch hoffen, wenn man nichts mehr hat außer sich selbst?
Eine Produktion des Berliner Ensembles
Hamburger Theater Festival
Ein Dichter im Abgrund. Ein phänomenales Solo von Jens Harzer.
Er war eine Lichtgestalt der viktorianischen feinen englischen Gesellschaft, seine Stücke erfolgreich, seine Prosa packend, seine Märchen kunstvoll, seine Bonmots bis heute legendär. Und dann kam sein tiefer Fall: Der irische Schriftsteller Oscar Wilde wurde 1895 zu zwei Jahren Haft verurteilt – weil er provozierte; weil er sich über Konventionen hinwegsetzte, weil er Männer liebte und sich nicht versteckte. Sein Strafprozess war ein Exempel – weniger gegen eine Tat als gegen eine Haltung, gegen seinen unbändigen Drang nach Freiheit und Anerkennung.
Sein langer Brief an Alfred »Bosie« Douglas aus dem Gefängnis, der unter dem Titel »De Profundis« bekannt wurde, ist der letzte Aufschrei eines gebrochenen, aber nicht gebändigten Geistes; das Protokoll eines Menschen, der stets nach den Grenzen seines bürgerlichen Lebens gesucht und der am Ende alles verloren hat. Wilde schreibt mit größter literarischer Meisterschaft von Verachtung und Einsamkeit, von Stolz und Schmerz. Und über eine Gesellschaft, die nicht duldet, was sie nicht versteht. Was bleibt, wenn einem alles genommen wird, was man je war? Was lässt sich noch hoffen, wenn man nichts mehr hat außer sich selbst?
Eine Produktion des Berliner Ensembles
Regie und Bearbeitung: Oliver Reese
Bühne: Hansjörg Hartung
Kostüme: Elina Schnitzler
Musik: Jörg Gollasch
Licht: Steffen Heinke
Dramaturgie: Johannes Nölting
Ein erfolgreicher Skandalroman aus den prachtvollen Salons des französischen Adels, veröffentlicht 1782 kurz vor der Revolution, geschrieben vom Redenschreiber Robespierres – und ein Oscar-prämierter Blockbuster aus den 1980ern. Das Thema: Eine dekadente, gelangweilte Gesellschaft benutzt Verführung und Sex als Mittel manipulativer Machtspiele. Mithilfe ihres ehemaligen Liebhabers, des Libertins Valmont, will die einflussreiche Marquise de Merteuil sich selbst und ihr ganzes Geschlecht rächen. Böse, witzig und literarisch brillant – ein Theaterabend über Machtmissbrauch, die Sehnsucht nach der großen Liebe und die Gewalt der Emotionen. Mit expressivem Spielstil und erfindungsreichen Bildwelten wird Post-Romantiker Sebastian Hartmann das Innenleben einer um sich selbst kreisenden Gesellschaft an den Zuständen des 21. Jahrhunderts spiegeln.
Regie/Bühne: Sebastian Hartmann
Musik: Samuel Wiese
Licht-Design: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Susanne Meister
Das alte Gebäude des Thalia Theaters wurde von den Architekten Franz Georg Stammann und Auguste de Meuron konzipiert und 1843 gegenüber dem heutigen Bau errichtet. Der größere Neubau wurde 1912 unter Leitung des Regisseurs Leopold Jessner am Pferdemarkt, heute: Gerhart-Hauptmann-Platz, (Architekten Werner Lundt und Georg Kallmorgen) mit 1300 Plätzen eröffnet. Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude weitgehend zerstört, Ende der fünfziger Jahre restauriert und im Dezember 1960 wiedereröffnet.
Das Thalia Theater ist eines der drei Hamburger Staatstheater, eine Sprechtheaterbühne mit einem festen und viel gerühmten Ensemble. Es gibt auf der großen Bühne ca. 1.000 Plätze, das Repertoire umfasst etwa 20 Produktionen, die täglich wechselnd oder in Blöcken gespielt werden. Pro Spielzeit gibt es etwa neun neue Premieren im Großen Haus am Alstertor.